Yogatherapie bei Typ-1-Diabetes
Typ-1-Diabetes fordert Betroffene körperlich wie psychisch stark heraus und geht häufig mit Stress, Erschöpfung und emotionaler Belastung einher. Die Autoimmunerkrankung erfordert ein lebenslanges, kontinuierliches Selbstmanagement des Blutzuckers. Yogatherapie kann Betroffene als komplementärtherapeutische Maßnahme wirksam dabei unterstützen, Stresssymptome zu reduzieren, die Körperwahrnehmungsfähigkeiten zu fördern, kann die Selbstregulation verbessern und das Vertrauen in den eigenen Körper stärken.

Typ-1-Diabetes
Typ-1-Diabetes kann Menschen aller Altersstufen treffen. Im Unterschied zum weit häufiger vorkommenden und eher Lebensstil bedingten Typ-2-Diabetes1 handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die zurzeit nicht heilbar ist und sofort durch die Gabe von Insulin behandelt werden muss. Bei diesem „Diabetes Management“2
geht es darum, den Blutzucker 24 Stunden und jeden Tag erneut in einem bestimmten Bereich stabil zu halten, was für Betroffene permanente innere Wachsamkeit und unzählige, von außen unsichtbare Handlungsentscheidungen bedeutet.
Diabetes Disstress
Diabetes Management fordert den Menschen in seiner Gesamtheit heraus und bringt häufig ein hohes Maß an Stress mit sich. Denn trotz aller Anstrengungen gelingt es nicht immer, den Blutzucker stabil zu halten. Dies liegt in der Natur des komplexen hormonellen Regulationsprozesses, der von sehr viel mehr Faktoren als der
Nahrungsaufnahme beeinflusst wird. Bewegung, Schlaf, Stress, Hormone, Temperaturen spielen z.B. ebenfalls eine Rolle für den Blutzucker. Mitunter extreme Blutzuckerschwankungen und auch mehr oder minder schwere
Blutzuckerentgleisungen gehören zum Alltag von Menschen mit Diabetes. Diese sind zum Einen körperlich belastend, zum Anderen auch häufig Auslöser für Frustration, Ohnmachtserleben oder Niedergeschlagenheit, die wiederum das Stresslevel erhöhen und dann Blutzuckerwerte erneut negativ beeinflussen. Der Verlust von Kontrolle über den eigenen Körper und das Gefühl, dem Diabetes ausgeliefert zu sein, fördern den
Zustand, den die Psychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet. Menschen mit Diabetes leiden sehr häufig an Schlafmangel und schlechter Schlafqualität, weil Über- oder Unterzuckerungen auch nachts auftreten und einer Behandlung bedürfen.
Studien zeigen, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen, Burn-out oder Angststörungen zu erkranken3. Auch das Verhältnis zum Essen verändert sich und Essstörungen treten überproportional häufig auf4.
Yoga bei Typ-1-Diabetes
Diabetes betrifft den Menschen in seiner Gesamtheit, gleichermaßen auf körperlicher wie mentaler und emotionaler Ebene. Diabetes-Therapie kann enorm davon profitieren, wenn diese Erkenntnis mit in die Behandlung einfließt und Angebote gemacht werden, die Stressreduktion, die Schulung von Achtsamkeit und Hilfe bei der Regulierung von schwierigen Emotionen beinhalten. Yogapraxis bietet all dies
und kann von daher ein hilfreicher Baustein im Typ-1-Diabetes-„Management“ sein.
Dies betrifft gleichermaßen yogatherapeutische Interventionen in der 1:1 Situation als auch Yoga-Angebote in der Gruppe, die den Vorteil haben, auch ein Raum zum Austausch für Betroffene zu sein, was der Isolation und dem Gefühl, alleine für sich zu kämpfen, entgegenwirkt.
Yoga: Was wirkt konkret? Einige Ideen.
Vorweggeschickt sei, dass bislang keine Untersuchungen zur Wirkung von Yoga bei Typ-1-Diabetes vorliegen. Die folgende Aufzählung entstammt der Zusammenführung von Wissen um die allgemeine Wirkweise von Yoga mit dem Wissen um die körperlichen, emotionalen und mentalen Vorgänge bei Typ-1-Diabetes.
Die Bewegung des Körpers, im Yoga durch Asanas, trägt zur Erhöhung von Insulinsensitivität bei und kann so langfristig regulierend und stabilisierend auf den Blutzucker wirken. Insbesondere aktivierende, die Muskulatur und den Kreislauf fordernde Abläufe (vinyāsa) können hohe Blutzuckerwerte positiv beeinflussen. Die im Viniyoga ausdrücklich angeleitete Verbindung von Atem und Bewegung, insbesondere solche Praxen, die den Ausatem betonen, wirken stressregulierend, sodass die Ausschüttung von Cortisol und seine Blutzucker erhöhende Wirkung gedämpft werden können.
Insgesamt schult Yoga die Körperachtsamkeit, die für die Wahrnehmung für Blutzuckerschwankungen essentiell ist, um schnell auf Über- und Unterzuckerungen reagieren zu können. Auch kann Yogapraxis dazu beitragen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen, das durch die Erfahrung von Unter- oder Überzuckern bzw. extremer Schwankungen erschüttert sein kann. Es geht insbesondere darum, den eigenen Körper wieder als „sicheren“ Ort erleben zu können, eine Qualität, die oftmals verlorengeht
Die Schulung von Achtsamkeit für Emotionen und Gedanken können helfen Reiz-/Reaktionsautomatismen zu entkoppeln und angemessenere Entscheidungen im Blutzucker Management zu treffen sowie aus negativen Gedankenspiralen auszusteigen. Mentale Fokussierung, so wie in der Meditation geübt, kann dabei eine hilfreiche Praxis sein.
Nicht zuletzt bietet der Yoga mit seinem philosophisch/psychologischen Hintergrund, z. B. aus dem Yoga Sūtra, Möglichkeiten, Fragen von Identität und Identitätswandel, die chronische Krankheiten immer auch mit sich bringen, unterstützend zu begleiten.
Sie sind selbst betroffen? Unsere Therapeut:innen beraten Sie gern. Vielen Dank an unsere Kollegin, Elke Richter, die dieses Schwerpunktthema in unsere therapeutische Intervision eingebracht hat.
1 Aktuelle Zahlen und ein Überblick zum Auftreten von Diabetes in Deutschland im Gesundheitsbericht
Diabetes 2025 unter https://www.ddg.info/politik/veroeffentlichungen/gesundheitsbericht (15.09.2025).
2 Mark Heyman, Diabetes sucks and you can handle it, 2022
3 Zur weiteren Information z.B. die Seite www.diabetes-psychologie.de und Val Wilson, Psychology in
Diabetes Care and Practice, 2022.
4 Wilson, Val (2022): Psychology in Diabetes Care and Practice. London: Pavilion Publishing, S. 73 ff.